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27.10.2016

erstellt von #citsum

Daniel Kraft, CEO von Sitrion: Technik muss dem Menschen dienen

Daniel Kraft ist CEO von Sitrion, einem Software Anbieter, der die tägliche Arbeit von Millionen Menschen mit vielfach prämierten Mobilitäts-Lösungen vereinfacht und beschleunigt. Beim cologne IT summit_ wird er erklären, warum das Ende der Desktop-Ära absehbar ist, Arbeit kein Ort ist und die Anwender langsam App-müde sind. Was er damit meint? Wir haben vorab im Interview nachgehakt. 

Herr Kraft, sie sagen, dass Desktop und Desktop-Denken tot sind. Was genau meinen Sie damit?

Die Berufswelt ist der Zeit immer etwas hinterher. Das gesamte Wachstum an digitaler Aktivität der letzten drei Jahre fand mobil statt. Immer, wenn Menschen die Wahl haben, nutzen sie mobile Geräte. Das gilt nicht nur für Menschen, die unterwegs sind, sondern auch für Mitarbeiter, die in einem Meeting, auf dem Weg zum Mittagessen oder im Bus nach Hause sind.

Die Idee "Arbeit" als einen Ort zu definieren, ist grundlegend falsch. Arbeit ist eine Aktivität, eine Wertschöpfung und für hoffentlich viele eine Erfüllung. Wir dürfen die Limitationen alter Technologie nicht mehr als Einschränkung akzeptieren. Was viele gar nicht wissen: 80 Prozent der arbeitenden Menschen haben gar keinen "Desk" also einen Schreibtisch, auf dem ein Desktop stehen könnte.

Und das ausgerechnet in Zeiten, in denen alles auf Digitalisierung ausgerichtet ist? Wie passt das zusammen? 

Das passt hervorragend zusammen. Digitalisierung ist wie eine Befreiung! Wir müssen nicht mehr in einer Schlange stehen, wir müssen nicht mehr an Orte wie Ämter gehen oder stundenlang im Stau stehen. Und diese Freiheit wird durch den zweiten Trend - die Mobilisierung – noch erweitert.

Es gibt kaum Menschen, deren Job es ist "ein Formular auszufüllen", oder "auf eine Maus zu klicken". Das sind nur Restbestände alter Technologie. Ein Krankenpfleger hat den Job zu pflegen, zu trösten, zu helfen. Eine Managerin hat den Job zu leiten, zu motivieren, zu entscheiden. Technologie wird immer weiter in den Hintergrund treten und immer mit uns sein, anstatt uns an einen Ort zu fesseln. 

Wo liegen Ihrer Meinung nach die größten HR Fallstricke in Zeiten der Digitalisierung?

HR ist eigentlich ein wunderbares Aufgabengebiet. Menschen mit Berufung und dem Wunsch Kollegen zu helfen, zu entwickeln, treffen auf einen Moloch an Formalitäten, Administration und Regeln. Dies befindet sich in einem massiven Umbruch. Wir haben de facto Vollbeschäftigung, gute Mitarbeiter haben heute Optionen und können sich Jobs aus.

Für HR bedeutet dies, dass man "Systeme" zu Services umbauen muss. Anstatt Urlaubsanträge einzufordern, sollte man freie Zeit aktiv empfehlen. Anstatt Manager diese Anträge freigeben zu lassen, sollte man ihnen Empfehlungen zur Motivation der Mitarbeiter an die Hand geben.

Ich sehe heute bereits intelligente Systeme, die alle administrativen Aufgaben der Personalabteilung erledigen können. Wir haben gerade einen Piloten laufen, in dem HR Bots dem Mitarbeiter aktiv helfen, die Zeit zu planen, Urlaube zu organisieren, Gehaltsnachweise zukommen zu lassen und sogar helfen, Stress und emotionale Tiefpunkte durch motivierende Inhalte und dem Empfehlen von sportlichen Aktivitäten zu überwinden. Nur wenn HR dies aktiv mitgestaltet, hat es eine Daseinsberechtigung.

Sie gehen davon aus, dass Firmen umso weiter kommen, je mehr sie ihre digitalen Anwendungen "entrümpeln. Wie meinen Sie das?

Richtig, ein grundlegendes Problem ist, dass Anwendungen für den Systeminhaber, also HR für HR, ERP für Finanz oder CRM für Sales optimiert sind. Aber Systeme müssen den Menschen dienen. Es macht absolut keinen Sinn, dass ein HR System für die wenigen Menschen der Personalabteilung optimiert sind, sondern es muss für tausende Mitarbeiter optimiert sein welche die eigentliche Wertschöpfung verantworten. Ich gehe davon aus, dass Firmen, die Ihre Systeme nicht zu den Menschen bringen, eine sehr schwere Zeit haben werden. 


 

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Mobilität gewinnt an Bedeutung. Immer mehr Menschen erledigen ihre Arbeit auch unter Zuhilfenahme mobiler Devices. Gilt auch hier: Eine App weniger ist mehr? 

Ja, der Spruch "Dafür gibt es eine App" ist eine Illusion, der viele erliegen. Fakt ist, dass die Anzahl der Apps auf den Smartphones sich in den letzten Jahren nicht verändert hat, während die Zeit, die wir mobil verbringen massiv steigt. Die Nutzung konzentriert sich auf immer weniger Apps. Für eine Mitarbeiter App bedeutet dies, dass Firmen nicht nur mit anderen internen Apps konkurrieren, sondern auch mit Facebook oder Twitter.

Zu glauben, dass jede Abteilung eine eigene App braucht, oder dass Mitarbeiter die jeweiligen Fach-Apps nutzen werden, ist einfach illusorisch. Was wir brauchen, ist eine Aggregation aller wesentlicher Services in einer Employee App. Nur dann gibt es die Chance, dass Mitarbeiter diese auf ihrem Smartphone auch nutzen.

Denn das ist eine weitere Illusion vieler Firmen, dass Mitarbeiter ihrer Firma den vollen Zugriff auf deren persönliches Smartphone erlauben werden. Versuchen Sie einmal Ihrer Teenager Tochter das Telefon für eine Stunde zu nehmen. Diese Generation wird sich von IT absolut nichts aufzwingen lassen. Und diese Generation hat Optionen, also werden sich Firmen anpassen müssen. Ich habe hierzu auch schon etwas geschrieben. 

Wie kann das konkret im HR Bereich funktionieren: Wie sieht die optimale App für Arbeitnehmer aus? Was muss sie können?

HR hat die einmalige Chance diesen Prozess anzutreiben. Nur HR und vielleicht noch die Unternehmenskommunikation haben den Zugang zu allen Mitarbeitern. Daher muss eine Employee App auch genau dies ermöglichen: Alle erreichen. Ich sehe daher drei grundlegende Funktionen: 

  • Information: News, Dokumente, Arbeitsanweisungen, HR Daten
  • Prozesse: Urlaub, Rechnungen, Anträge
  • Services: Reisen, Training, etc

Hierzu muss eine Employee App viele Systeme aggregieren, ein leichtes und nutzerfreundliches User Interface haben und sie muss auf den persönlichen Smartphones der Mitarbeiter (BYOD) laufen.

Aber das sind nur Features. Noch viel wichtiger ist, dass eine Mitarbeiter Apps auf die Menschen eingeht. Inhalte müssen personalisiert sein, Funktionen müssen sich an den Erwartungen von Consumer Apps messen lassen, intelligente Assistenten müssen den Menschen die Arbeit abnehmen oder zumindest erleichtern. Und wir müssen endlich aufhören die Menschen zu kontrollieren und sie stattdessen motivieren.

Und das verhindert App Müdigkeit? By the way: Was ist App Müdigkeit überhaupt? 

(Daniel Kraft lacht herzlich) Der Begriff klingt im Englischen natürlich viel besser: App Fatigue. Das Dilemma ist, dass Menschen keine neuen Apps mehr nutzen. Dazu kommt, dass zehn der Top 25 Apps in der Hand von Google, Facebook und Apple sind. Das führt dazu, dass Menschen bereits sehr viel aus einer Hand bekommen und Apps, die sich nicht integrieren, immer seltener genutzt werden. 

Warum ist App Müdigkeit in Ihren Augen so gefährlich für Unternehmen?

Grundsätzlich haben Unternehmen den Vorteil, dass Mitarbeiter gewisse Dinge tun wollen. Wenn aber ein Unternehmen mehrere Apps, teilweise mit unterschiedlichen UI/UX Philosophien anbietet, schalten Mitarbeiter ab. Der Anspruch ist einfach höher und es ist unrealistisch, dass ein Unternehmen mit einer Hand voll eigenen Entwicklern in der Lage ist, diesen Anspruch zu befriedigen.

Die Zeiten in denen Unternehmen den Mitarbeitern Dinge vorschreiben können, sind vorbei. Gute Mitarbeiter haben Optionen und sie werden sich nicht vorschreiben lassen, wie sie ihre Aufgaben erledigen. Wenn die Tools, z.B. eine Mitarbeiter App, nicht den Standards und Erwartungen entsprechen, werden Mitarbeiter gehen. Ein moderner digitaler Arbeitsplatz ist heute absolute Pflicht. 

Inwiefern können sich gut durchdachte Programme oder Apps positiv auf die Unternehmenskultur auswirken? 

Wichtig ist, mit dem Ziel zu beginnen. Für mich verbessert sich die Arbeit und damit die Produktivität durch zwei Stellschrauben: Steigerung der Willigkeit zu arbeiten und Steigerung der Fähigkeit zu arbeiten.

Die Willigkeit zu arbeiten, drückt sich in Begriffen wie Employee Engagement aus und meint die Motivation. Dabei geht es weniger um die Zustimmung der Mitarbeiter zu jeder Entscheidung, sondern um das Mitnehmen von Mitarbeitern. Wenn ich als Kollege weiß, warum etwas geschieht, bin ich grundsätzlich eher bereit mich einzusetzen. Hier geht es vor allem um Kommunikation. Wenn ich jedem Mitarbeiter drei bis vier Nachrichten pro Tag über die Firma auf ihr Smartphone schicke, erreiche ich enorm viel. Dies können neue Kunden, neue Produkte, etwas aus dem Betriebssport oder aus dem Betriebskindergarten sein. 

Die Fähigkeit zu arbeiten, drückt sich in Begriffen wie Employee Empowerment aus und meint, den Mitarbeiter in die Lage zu versetzen, ihren Job zu schaffen. Da geht es zum einen um Information: 

  • Was ist der Lagerbestand?
  • Wie ist mein Schichtplan?
  • Wie ist unser Qualitätsniveau?

Aber auch Kennzahlen oder einfache Information die einen Kontext herstellt: "Der Diesel wurde in den Modellen 2013-2015 verbaut aber ist seit 2016 nicht mehr am Markt." Darüber hinaus, geht es um mehr Zeit. Wenn Prozesse anstatt 30 Minuten nur noch 30 Sekunden dauern, weil ich sie direkt auf dem Smartphone erledigen kann, habe ich einfach mehr Zeit, meinen eigentlichen Job zu machen. Ich brauche heute weniger Minuten eine Reise mit meinen fünf Kindern zu buchen, als ein 12 Euro Parkticket abzurechen. Das drückt doch unser Dilemma aus.

Wer heute das Smartphone nur als Tool für mobile Mitarbeiter verwechselt hat nichts verstanden. Das Smartphone ist ein Teil unserer Person geworden. Es ist immer bei uns, in jeder Pause, auf der Toilette, beim Bier mit Freunden. Das betrifft sowohl die Kollegen die unterwegs als auch die, die Büro oder der Fertigung arbeiten. Es geht nicht um "mobile" es geht um "reach", also das Erreichen der Menschen – physisch also auch emotional. 


Zur Person:

Daniel Kraft ist CEO von Sitrion, einem Software Anbieter der die tägliche Arbeit von Millionen Menschen mit vielfach prämierten Mobilitäts-Lösungen vereinfacht und beschleunigt. Kraft verfügt über langjährige Erfahrung in Führungspositionen in verschiedenen Hightech-Bereichen. Er ist Gründer von ifridge & Company, einer strategischen Beratungs- und Investmentfirma, die beim Aufbau von großen Technologieunternehmen einige Erfolge vorzuweisen hat.

Daniel Kraft ist ferner aktiver Gesellschafter von netmedianer, einer in Europa ansässigen Beratungsagentur für den Social Workplace. Zuletzt hat Daniel Kraft leitende Positionen in verschiedenen führenden Enterprise Software-Unternehmen bekleidet, einschließlich Senior Vice President of Corporate Strategy bei OpenText und President und CEO bei RedDot Solutions. Davor hat er in Führungspositionen bei Commerzbank Securities gearbeitet, wo er Investment-Banking-Transaktionen im Softwaremarkt geleitet hat, von M&A-, IPO- bis hin zu Risikokapitaltransaktionen.