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23.11.2016

erstellt von #citsum

Summit News

Smart Mobility: Wann hebt der erste Flieger ohne Pilot ab?

Wie werden sich Verkehr und Verkehrsströme durch die Digitalisierung verändern? Wann fliegen Flugzeuge ohne Pilot? Wir sprachen dazu mit Florian Eck, dem stellvertretenden Geschäftsführer des Deutschen Verkehrsforums, der seine Einsichten beim cologne IT summit_ mit dem Publikum teilen wird.  

 

 

Personen und Güter sollen zukünftig vernetzt noch ökonomischer, ressourcenschonender und sicherer ans Ziel kommen. Dazu müssen die Potenziale der Digitalisierung genutzt werden. Welche sind das?

Dahinter steckt vor allem Big Data. Die zunehmende digitale Vernetzung des Verkehrs und aller seiner Teilnehmer schafft große Potentiale, Angebot und Nachfrage noch besser aufeinander abzustimmen. Forecasting-Systeme sorgen durch genaue Datenanalyse dafür, dass der Bedarf zeitlich und räumlich vorausgesagt werden kann und die Verkehrsdienstleister sich rechtzeitig auf die Nachfrage einstellen können. Dies gilt für die Lieferung von Rasierklingen in Drogeriemärkten genauso wie für Pendler, die in die Metropolen und zurück müssen.

Ein anderes Beispiel: Sensoren liefern bereits heute in Echtzeit Daten aus dem Betrieb von Verkehrsmitteln und Infrastruktur. Dadurch deutet sich Verschleiß rechtzeitig an und vorbeugende Wartung kann Ausfallzeiten minimieren. Wenn die Sensordaten flächendeckend analysiert würden, könnte man außerdem zügig einen genauen Infrastrukturzustandsbericht erstellen, den die Wirtschaftsverbände schon seit Jahren fordern. 

Mobilität wird in den kommenden Jahren völlig neu organisiert. Inwiefern erhöht der Einsatz innovativer Leit- und Sicherungstechnik die Sicherheit, Energieeffizienz und Infrastrukturkapazität bei allen Verkehrsträgern?

Durch moderne Leit- und Sicherungstechnik – wie das River Information System (RIS), das European Rail Traffic Management System (ERTMS) oder entsprechende Flugsicherungssysteme – werden Verkehrsmittel auf der Straße, Schiene, Luft und Wasserstraße so unterstützt, dass sie auf der richtigen Strecke, mit der optimalen energieeffizienten Geschwindigkeit und im optimalen Abstand zueinander unterwegs sind. Auch teil- bis vollautomatischer Betrieb wird dadurch ermöglicht.

So können die Systeme Ressourcen schonen, knappe Infrastrukturkapazitäten steuern und die Sicherheit optimieren. Unsere Verkehrswege werden also automatisch auf die Belastung und Unfälle hin überwacht, Fahrspuren im Straßenverkehr werden zu Spitzenzeiten bedarfsgerecht zugeteilt und freigegeben oder Schiffsverkehre im Tempo genau auf die verfügbaren Slots in den Häfen ausgerichtet.

Insbesondere gilt das auch für die Kapazitätssteuerung von Lkw-Parkplätzen an Bundesfernstraßen – die sind nämlich heutzutage regelmäßig überlastet, so dass die Lkw-Fahrer ihre Ruhezeiten nicht einhalten können. 

Alle Welt spricht vom selbstfahrenden Auto. Welche Bereiche im Verkehrsbetrieb werden künftig außerdem teil- bis vollautonom betrieben?

Auf der Schiene ist automatischer Betrieb technisch schon heute möglich, wie die U-Bahn in Nürnberg zeigt. Auch im Luftverkehr ist der Autopilot bereits Realität. In der Schifffahrt ist ein automatischer Betrieb zumindest abseits der Häfen möglich.

Dennoch verlangen die Regularien in den meisten Anwendungsfällen noch den Menschen hinter dem Steuer, um im Notfall einzugreifen. Jetzt gilt es, sich mit dem Gesetzesrahmen Schritt für Schritt über Experimentierklauseln unter dem Nachweis gleicher Sicherheit an die technischen Möglichkeiten heranzutasten. Hierfür arbeiten Politik, Wissenschaft, Verbände und Wirtschaft beispielsweise am Runden Tisch "Automatisiertes Fahren" eng zusammen. 


Der diesjährige cologne IT summit_ steht unter dem Motto „Gewinnen mit Digitalisierung“ – jetzt anmelden>>>

Lassen Sie uns in die Zukunft „abschweifen“. Wie werden Verkehrsströme in 10, 20 Jahren organisiert sein? Wird das Bild auf den Straßen noch mit dem heutigen vergleichbar sein? 

In Zukunft werden sich der Individualverkehr und der öffentliche Verkehr einander annähern. Sharing-Modelle und Informationsdienste sorgen dafür, dass die Bürger auch mit öffentlich verfügbaren Verkehrsmitteln individueller und nachfragegerechter als vorher unterwegs sein können.

Im Individualverkehr werden Anreize – wie z.B. eine Kostenbeteiligung – geschaffen, auch andere Menschen mitzunehmen, Fahrzeuge automatisch fahren zu lassen und sich damit mehr in Richtung kollektiver Angebote zu entwickeln. Bevor wir an futuristische Verkehrsmittel denken, muss aber zunächst die Grundlage unserer Mobilität modernisiert werden, nämlich die Verkehrsinfrastruktur an sich. Hier brauchen wir dringend eine digitale Nachrüstung am Verkehrsweg, aber auch in den Leitzentralen. 

Intelligente Mobilitätssysteme begleiten heute schon Menschen in ihrem alltäglichen Fortbewegungsbedarf. Kunden kombinieren immer mehr unterschiedliche Verkehrsmittel- und angebote und haben heute eine Vielzahl unterschiedlicher Informationsangebote. Inwiefern ist das Smartphone der Zündschlüssel der Zukunft? Welche Entwicklungen sind denkbar?

Im Smartphone laufen multimodale Informationen zusammen, es wird navigiert, der Parkplatz gebucht und bezahlt, Car-Sharing reserviert, ein Fahrrad freigeschaltet, ein Fahrschein gekauft. Gleiches ist mit den entsprechenden Bordinformationssystemen der Autos möglich. Digitale Vertriebs- und Informationswege werden über eine gemeinsame Datenplattform mit traditionellen „analogen“ Zugängen harmonisiert.

In Zukunft werden so die einzelnen Zugänge zur Mobilitätskette immer mehr verschmelzen. Wenn gewünscht, reicht dann künftig ein Termineintrag, um automatisch nach den bisherigen Vorlieben Tickets zu buchen, Plätze zu reservieren und eine Reise vorzubereiten.

Im Idealfall wird der Fahrgast dann auch bei Störungen automatisch umgebucht und umgeleitet – wenn er das will. Wir müssen hier ganz besonders darauf achten, dass die Menschen in diese neue Mobilitätswelt begleitet und vor allem nicht bevormundet werden. Jedes Individuum bestimmt den Service-Level, den es braucht.

Gemeinsam mit der BITKOM hat das DVF den Aktionsplan „Intelligente Mobilität“ erarbeitet. Darin wird gezeigt, welche Handlungsfelder entwickelt werden müssen, um noch bestehende Hemmnisse aus dem Weg zu räumen. Welche Weichen müssen gestellt werden und von wem?

Wir sprechen hier immer von den vier zentralen „D´s“ – das soll heißen, ohne diese Voraussetzungen wird es uns nicht gelingen, die digitale Welt in Alltag der Menschen zu integrieren. An erster Stelle gilt es die Datenverfügbarkeit zu verbessern, denn Echtzeit-Daten sind das Rückgrat jeglicher „intelligenten Mobilität“.

Vor allem die öffentliche Hand muss hier mit einer Open Data – Strategie zuliefern. Aber auch die Unternehmen müssen ihre isolierten Daten-Silos öffnen und Informationen auf Plattformen zusammenführen.

Das zweite ‚D‘ ist der Datennetzausbau. Wenn Deutschland Leitanbieter und Leitanwender für „Intelligente Mobilität“ sein möchte, muss eine zuverlässige Verfügbarkeit und Bandbreite von Mobilfunknetzen bereitstehen, vor allem entlang der Hauptverkehrs-Achsen, in Ballungsräumen und an Brennpunkten der Logistik wie Häfen, Flughäfen oder Güterverkehrszentren.

Auch der Datenschutz muss sichergestellt und transparent dokumentiert werden. Nicht erst seit der NSA-Affäre zweifeln Nutzer an der Sicherheit ihrer persönlichen Daten. Daher muss die Vertrauensbasis wieder hergestellt werden. Und bei all diesen neuen Dienstleistungen darf die Datensicherheit im Sinne einer Cyber Security nicht auf der Strecke bleiben.

Welche Auswirkungen könnte der effiziente Einsatz von Smart Mobility nach der Weichenstellung auf unseren Alltag und auf Bereiche wie Logistik oder Krankenversorgung haben? 

Der demographische Wandel macht sich auch in den Anforderungen an die Verfügbarkeit von Mobilität und die Erreichbarkeit von Einkaufsmöglichkeiten, Freizeiteinrichtungen und Dienstleistungen bemerkbar.

Durch intelligente Mobilitätsdienstleistungen bietet sich die Möglichkeit, das Angebot z. B. mit Lieferdiensten, Rufbussystemen, Taxidiensten, Informationsangeboten zur Barrierefreiheit und einem barrierefreien Routing noch weiter zu verbessern. 

In der Logistik wird die stärkere Transparenz der Produktionszusammenhänge und damit auch der Güterströme zu einer besseren Bündlung und damit einer höheren Effizienz führen. Für die Verbraucher werden durch Kooperationen der Logistiker untereinander oder beispielsweise mit dem Personenverkehr maßgeschneiderte Lieferangebote möglich, ohne den ökologischen Fußabdruck zu verschlechtern.


Zur Person

Florian Eck ist stellvertretender Geschäftsführer des Deutschen Verkehrsforums, dem Mobilitätsverband der deutschen Wirtschaft (DVF). Im DVF verantwortet er unter anderem den Aktionsplan ‚Intelligente Mobilität‘ sowie das Zukunftsprogramm Verkehrsinfrastruktur. Er hat als Volkswirt an der Universität zu Köln promoviert. Nebenbei lehrt er an der Technischen Universität Berlin das Fach „Vernetzung der Verkehrsträger“.