18.01.2017

erstellt von Sonja Dietz

Summit News

Blockchain-Technologie: Kommen die Banken ohne Schalter, Professor Prinz?

Der Begriff der "Blockchain" ist bislang wenigen Menschen bekannt. Das dürfte sich bald ändern. Denn es sieht ganz danach aus, als änderte die Blockchain früher als später sehr viel: die Art und Weise, wie Verträge zustande kommen, wie Bankgeschäfte ablaufen, wie Rechte, zum Beispiel Urheberrechte, verwaltet werden oder wie Grundbücher gehandhabt werden. Professor  Wolfgang Prinz, stellvertretender Institutsleiter am Fraunhofer FIT, spricht beim cologne IT summit_ zu diesem spannenden Thema. Uns gab er vorab ein paar Einblicke.

Herr Professor Prinz, Bringen Sie mit einer Definition und ein paar Hintergrundinformationen zum Thema Blockchain ein wenig Licht ins Dunkel? 

Bekannt geworden ist die Technik zunächst durch ihre Anwendung bei der Realisierung der Cryptowährung Bitcoin. Allerdings sollte diese Technik unabhängig von dieser konkreten Anwendung bewertet werden.

Der Begriff Blockchain bezeichnet eine neuartige Technik zur verteilten Verwaltung, das heißt der Autorisierung, Verteilung, Speicherung und Validierung von Transaktionen. Damit liefert sie prinzipiell eine neue Plattform für alle Anwendungen, die ein verteiltes Management von Transaktionen erfordern. 

Inwiefern wird das Thema in der Bankenbranche für Veränderungen sorgen? 

Eine wichtige Dienstleistung von Banken ist die vertrauensvolle Abwicklung und zuverlässige Verwaltung von Transaktion zwischen zwei Handelspartnern. Die Blockchain Technik ist prinzipiell in der Lage, diese Rolle bei der Transaktionsabwicklung mit Hilfe von Cryptoalgorithmen zu übernehmen. Daher ist sie technisch in der Lage, Aufgaben von all solchen Institutionen zu übernehmen, die als Intermediär bei bi- oder multilateralen Geschäftstransaktionen auftreten.

________________________________________________________________

Der diesjährige cologne IT summit_ steht unter dem Motto „Gewinnen mit Digitalisierung“ – jetzt anmelden>>>

________________________________________________________________

Wird Blockchain den Wegfall zentraler Institutionen bedingen? Eine Währung, die von allen kontrolliert wird, benötigt schließlich keine (Zentral-)Bank...

Blockchain Anwendungen bieten Lösungen für technische Aspekte zentraler Institutionen. Die Funktion solcher Institutionen lässt aber sicher nicht auf die technische Ebene beschränken. Hinzu kommt, dass diese neue Technik zunächst das Vertrauen der Nutzer gewinnen muss.

Daher sehe ich die Anwendung der Blockchain in den kommenden Jahren weniger in der Verdrängung großer zentraler Institutionen als in Nichen, die den Bedarf haben, dass Transaktionen zwischen verschiedenen Handelspartnern schnell, sicher und nach vorgegebenen Regeln abgewickelt werden. 

Inzwischen beschäftigen sich auch ganz andere Branchen und auch Kreative mit dem Thema. Alle wollen Blockchain für ihre Zwecke verwenden. Welche Ansätze bieten sich hier? 

Ein interessantes Anwendungsgebiet ist die Verknüpfung von Transaktionen mit so genannten Smart Contracts. Damit können einfache Regelungen zu einer Transaktion in der Blockchain gespeichert werden, die zum Beispiel eine Kautions- oder Mietregelung beschreiben. Sobald der Mieter dann eine Rate schuldig bleibt, werden zum Beispiel die Türschlösser eines Mietwagens gesperrt. 

An diesem Beispiel sehen wir das Potential der Blockchain in Verbindung mit Smart Contracts für das Internet der Dinge. So können Geräte automatisch Transaktionen in der Blockchain auslösen, die über entsprechende Smart Contracts beschrieben werden. Ein Beispiel sind Lösungen für lokale Energienetze oder Micro-Grids, in denen ein Verbraucher (z.B. eine Waschmaschine) mit einem Solardach die Lieferung von Energie verhandelt und abrechnet, wenn diese zur Mittagszeit zur Verfügung steht.

Da die Blockchain auch die Funktion einer sicheren Beurkundung und Rechteverwaltung übernehmen kann, sind erste Anwendungen entstanden mit den man Abschlussurkunden oder Zeugnisse in der Blockchain registriert und so zu einem späteren Zeitpunkt durch den Vergleich einer vorliegenden Urkunde mit dem ursprünglich registrierten Dokument dessen Unverfälschheit prüfen kann. Ähnliche Anwendungen werden auch für das Rechtemanagement von Texten oder Musikstücken entwickelt.


Zur Person

Professor Wolfgang Prinz studierte Informatik an der Universität Bonn und promovierte an der Universität Nottingham.

Seit 2001 ist er Professor an der RWTH Aachen und leitet als stellvertretender Institutsleiter am Fraunhofer FIT den Forschungsbereich Kooperationssysteme, der sich u.a. mit der Entwicklung von Kommunikations- und Kooperationssystemen, AR/VR Lösungen und Blockchain-Anwendungen beschäftigt.

Prinz war Vorsitzender großer internationaler Konferenzen, ist Editor von wissenschaftlichen Zeitschriften und Koordinator nationaler und internationaler Forschungsprojekte.